Ohne Twitter (1): Lesen

38 Nächte ohne Twitter. Und ein bisschen hat sich mein Leben verändert. Da besteht sicher kein unmittelbarer Zusammenhang. Nur der, dass ich zu einem Zeitpunkt meinen Account gelöscht habe, als es am Stressigsten wurde und ich Twitter einfach zuviel meiner Aufmerksamkeit schenkte.

Ich lese wieder.
In meinem Freundeskreis bin ich die mit den Büchern. Die mit den vielen Büchern. Die, der man so ungern beim Umzug hilft, weil man weiß, das über die Hälfte aller Kisten (und das waren schon immer viele) mit Büchern und sonstigen Printerzeugnissen gefüllt waren. Die man fragt, was man gerade liest und ob es sich lohnt, das auch zu lesen. Die man fragt, welches Buch man wem schenken könnte. Die die Nächte durchliest, weil sie sich nicht trennen konnte, schon als Kind nicht. Das hat kontinuierlich abgenommen. Irgendwann las ich nur noch zum Einschlafen und zwar so lange, bis mir die Augen zufielen. Am Ende war das nicht mehr viel, fünf Seiten, vielleicht zehn. Ich habe keine Ahnung mehr, was man so liest, was man wem schenken könnte. Und ich kaufe auch kaum noch Bücher. Was aber auch sehr daran liegt, dass ich in letzter Zeit zudem auch noch ziemlich pleite und ein Streifzug durch eine Buchhandlung, in dem Wissen, sich jetzt nichts kaufen zu können, eine Qual war. Vorbei die Zeiten, in denen ich mal eben ein-, zweihundert Euro investiert habe, um bepackt nach Hause zu gehen, dort die Bücher durchblätterte, die verschweißten von der Folie befreite, den Geruch genoss und einen Stapel in der Reihenfolge sortierte, in der ich sie lesen wollte. Bis ans Ende kam ich meist gar nicht, denn vorher kaufte ich hier und da neue oder gebrauchte oder bekam welche geschenkt, die ebenfalls einen Platz im Stapel beanspruchten. Irgendwann türmte sich um das Bett herum ein Konglomerat aus ungelesen und gelesenen Büchern, Magazinen und Zeitungen (ja, ich las alles!), dass das Ins-Bett-gehen, aber vor allem das unfallfreie Aufstehen unmöglich machte, so dass ich aufräumte und mir nur noch ein kleines Türmchen gönnte. Der Rest, egal ob gelesen oder nicht, wanderte ins Regal, so ungefähr an die Stelle, wo es hingehören könnte. Und um das Bett durften sich neue Stapel bilden.

Bis vor etwa einem Jahr. Ich schlief nicht besonders gut, vor allem schlief ich nicht ein. Das ist nichts Neues. Solche Phasen hatte ich schon immer. Gleichzeitig konnte ich mich nicht mehr so gut konzentrieren. Auch nicht auf ein Buch. Ich begann also zig verschiedene Bücher, um sie alle nach ein paar Seiten gelangweilt wegzulegen. Mit meinem Netbook, später auch dem iPhone, Twitter und vielen anderen Dingen lenkte ich mich ab. Auch das soweit nichts Neues, nur die Medien variieren. Wenn ich mal nicht den richtigen Start in eines meiner Bücher fand, las ich einfach für ein, zwei Wochen irgendwelche Magazine, löste Sudokus, irgendwelche anderen Logikrätsel oder Ecksteins oder holte den Nintendo DS raus (oder früher halt den Gameboy). Daran ist bei einem desaströsen Konzentrationsvermögen aber nicht zu denken.

Meinen letzten längeren Leseversuch unternahm ich anlässlich des Todes Harry Mulischs. Ich kramte „Die Entdeckung des Himmels“, das ich sehr liebe, wieder hervor und las. Und es funktionierte. Jedenfalls ziemlich lange. Ich hatte zwei Drittel des Buches geschafft, als es wieder losging. Ich las eine halbe Seite und stellte fest, das nichts ankommt in meinem Kopf. Setzte wieder an, wieder und wieder bis ich es aufgab. Ich probierte es noch mit Jonathan Safran Foers „Alles ist erleuchtet“, das ich schon lange lesen wollte. Also schaute ich mir den Film an, den ich eigentlich erst sehen wollte, wenn ich das Buch gelesen habe (Eine meiner wenigen eisernen Regeln: Erst Buch, dann Film.) In diesem Punkt kann ich auch mal dogmatisch.) Den Film mochte ich, also begann ich mit dem Roman. Und kam nicht mal bis Seite 30. Und das war’s dann.

Bis jetzt. Bis vor gut fünf Wochen. Es war mir zu langweilig geworden, andauernd in das Netbook zu starren, wenn ich nebenbei nicht ab und zu in Twitter reinschauen konnte. (Natürlich gucke ich mir Twitter hin und wieder an. Aber es ist einfach nicht dasselbe, wenn man keine Timeline mehr hat.) Und bei Facebook tut sich nachts nicht so viel. Da möchte man mit Statusupdates im Viertelstundentakt nicht auffallen. Lange schon wollte ich Armistead Maupins ‚Michael Tolliver lebt‘ lesen, das den Faden der älteren ‚Stadtgeschichten‘ wieder aufnimmt. Ich kaufte das Buch nicht gleich, sondern nahm mir zuerst die alten sechs Bände vor. Um mich in Stimmung zu bringen. Um mich wieder vertraut zu machen mit all den Protagonisten, die einem einst so ans Herz gewachsen sind. Und um zu schauen, ob ich es vielleicht wieder packte, das Lesen. Wenn nicht die ‚Stadtgeschichten‘, was dann? Bei dem Sog, den sie ausüben, lesen die sich ruckzuck weg. Und erst, wenn ich wissen würde, ob es wieder funktioniert, dann würde ich es mir kaufen, das neue Buch. Also las ich. Und es flutschte. Ich las überall. Im Bett, auf dem Sofa, beim Frühstück. Und der Fernseher blieb aus. Als ich beim vierten Band war, begann ich in jede Buchhandlung zu rennen, die am Wegesrand lag, um das neue Buch zu finden, und musste es dann aber doch bestellen. Ich las so schnell ich konnte die letzten Bände (Ich musste ein wenig aufholen, ich hatte zwischendurch eine Woche Besuch, der meine ganze Aufmerksamkeit forderte und nur zuließ, dass ich nachts las, was wiederum dazu führte, dass man am Frühstückstisch immer auf mich warten musste.), um dann den neuen Band an einem halben Tag (mit Arbeitsunterbrechungen) durchzulesen.

Ich lese also wieder. Und ich darf in keine Buchhandlung gehen, weil ich wieder alles auf einmal kaufen möchte. Weil ich soviel aufzuholen habe. Weil es mich von anderem Quatsch ablenkt und mir ein bisschen Ruhe schenkt. Weil es mich ein bisschen zufriedener macht.

Falls ihr meine Leserei verfolgen wollt: Bei Amazon habe ich eine Liste angelegt. Das letzte Buch lese ich gerade.

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8 Gedanken zu „Ohne Twitter (1): Lesen

  1. Freut mich für Dich, dass Du den Weg zurück zu den Büchern gefunden hast.
    Ich versuche Verfilmungen von Büchern, die ich gelesen habe, zu vermeiden. Ein Film kann eine Romanwelt in nur 90 Minuten zunichte machen. So wurde mir einst Atlantis zerstört. Das will ich nicht wieder.
    Ich wünsche Dir auf jeden Fall noch viel Freude mit den gedruckten Buchstaben!

  2. Da kommt mir einiges bekannt vor …

    Ich muss in letzter Zeit auch feststellen, dass dieses Socialmediazeugs nicht nur einen gewissen Suchtfaktor hat, sondern offenbar auch meine Aufmerksamkeitsspanne negativ beeinflusst und mich zudem auch nervöser zu machen scheint. Ich neiger derzeit aber nicht zum Komplettausstieg, sondern versuche zu reduzieren und bewusst kleines Auszeiten davon zu nehmen. Sollte es nicht besser werden, bliebe dann auch nur der Komplettausstieg.

    Wenn der Twitter-Rückzug Dir hilft, ist das grundsätzlich erfreulich, wenngleich meine TL natürlich vermisst. Mal sehen, welche weiteren Erfahrungen Du noch machst …

  3. Schön, dass es dir gut geht. Die Erfahrung, dass zu viel Twitter einem die Zeit stielt, macht wohl jeder. Ich trete derzet auch kürzer, aber eher wegen drängender Probleme die gelöst werden müssen. Zum Lesen komme ich dadurch nicht öfter. Bevor ich es auf die Couch schaffe, fallen mir die Auge zu. :-) Wird sich aber wieder ändern. Schließlich warten auch immer so 20-30 Bücher darauf, gelesen zu werden. Spannend, am Bücherregal entlang zu laufen, zu schauen, zu blättern, Rückentexte zu lesen und dann das nächste Buch heraus zu fischen.
    Ich wünsche dir viel Spass beim Lesen und viel Zufriedenheit.
    LG Meiryl

  4. Wow! Das ist toll.
    Und was soll ich sagen: Ich erkenne mich wieder…! Dieses Abgelenktsein durch die Medien… der Verlust der Bücher-Lesefreude (ich war auch von Kindeheit an immer eine Leseratte… las zwar langsam, aber viel)… abends vor dem Einschlafen lieber noch auf das iPhone starren anstatt in einem schönen Buch zu lesen.
    Wie doof ist das eigentlich?
    Wir waren gerade im Urlaub. Ich hatte Bücher (!) dabei. Und die habe ich auch gelesen! Und es hat mir Spaß gemacht! :-)
    Ich will wieder mehr lesen.
    Soll der Liebste doch meckern, wenn ihn das Licht stört. Ich will wieder lesen.
    Erstmal vor dem Einschlafen und irgendwann hoffentlich auch wieder zwischendurch.
    Früher war ich Bahnfahrerin. Da hab ich auch mehr gelesen. Im Auto geht das ja schlecht. Aber meine jetzige Arbeit erreiche ich leider nur mit dem Auto.
    Doof.
    Sag, bist Du denn bei „lovelybooks“? Falls ja, magst Du mich „adden“?
    http://www.lovelybooks.de/mitglied/Lesekatze74/

  5. Hier steckst Du also! Wir vermissen Dich bei Twitter, @arcticlight @zoolamar und ich sowieso! Klar kann ich verstehen, was Twitter mit einem machen kann. Anderseits neige ich nicht so zu Süchten und twittere daher auch immer nur phasenweise intensiv, mache dann aber auch wieder tage- oder wochenweise Pause. Als Vielleserin kenne ich all die beschriebenen Phänomene. Manchmal ist fast jedes Buch mein Freund, machmal stellt sich Buchstabe für Buchstabe dem Verständnis in den Weg. Meiner Liebe zum Lesen tut das keinen Abbruch. Phasen eben. Genauso wie ich zeitweise nur Sachbücher lese, dann plötzlich nicht genug von Krimis kriegen kann oder auf einmal unbedingt Klassiker lesen will. Ich finde das auch gut so.
    Twitter und die Social Medien können und sollen das Lesen nicht ersetzen aber auf die Möglichkeit mit ‚fremden‘ Menschen mitten in der Nacht oder zu anderen Zeiten zu parlieren, zu sehen, wofür sie sich interessieren und ihren Charme, ihre Wut und ihren Witz zu erleben, ist doch auch großartig, oder?
    Liebe Grüße!

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