Ohne Twitter (2): Das iPhone

Dies ist meine 40. Nacht ohne Twitter, aber es war meine 33., als Steve Jobs seinen Rücktritt verkündete, erfuhr ich am Morgen darauf im ZDF-Morgenmagazin. Oha. Und dann wechselte plötzlich das Moderatoren-Team und unter anderem erschien: Cherno Jobatey. Und mir ging einfach nicht mehr aus dem Kopf, wie er damals, als ich selbst noch für das Fernsehen arbeitete (sehr im Hintergrund) und ein Informationsjunkie war und das Morgenmagazin beinahe täglich sah, bei der Tassenfrage die Zuschauer penetrant bat, einzuschätzen, ob der Inhalt eines Einspielers wahr sei oder eben – ich zitiere – „beinhart gelogen“. Und zwar jedes verdammte Mal. Beinhart. Anfang der Nullerjahre. Das war so aus der Zeit gefallen.

Ich denke an Werner und an Torfrock. Und an den beinharten Rocker Cherno auf’m Chopper, in Lederanzug, aber mit Turnschuhen. Turnschuhe. Keine Sneaker. Damals sagte man ja noch Turnschuhe. Da man die Tassenfrage aber erst irgendwann nach acht Uhr stellt, ich dann aber schon bei der Arbeit sein müsste, würde ich nun nicht erfahren, ob er immer noch beinhart sagt. Vielleicht sagt man das auch heute wieder. Ich habe ja keine Ahnung. Schulterpolster kann man doch auch wieder kaufen. Und Haremshosen. Und Steve Jobs hat also seinen Rückzug erklärt. Überhaupt bin ich morgens noch ziemlich wirr, auch ohne Cherno Jobatey. Zudem trug ich eine Hose, die keine Taschen hat. Auch nicht am Po. In die Potasche schiebe ich nämlich manchmal mein iPhone, wenn es mir zu gewagt erscheint, es einfach in die Handtasche zu werfen, weil da ja auch Schlüssel, Münzen, Feuerzeuge und seltsame Krümel drin sind. Und wenn ich meine Hände nicht frei habe. Und mit diesen hielt ich an jenem Morgen bereits eine Brille, eine Kaffeemaschine, den Autoschlüssel, diverse Ordner, meinen Kalender und einen College-Block DIN A 5. Und irgendwas mit Äpfeln war auch noch. Zum Teil in Plastiktaschen verstaut, zum Teil lose. Also ließ ich es liegen, das iPhone. Ich vergaß es einfach. Erst auf halber Strecke, nach ca. 10 km fiel es mir wieder ein. Das war mir noch nie passiert. Nicht mit dem iPhone.

Vorher natürlich schon. Aber da hatte ich auch noch kein Smartphone und deshalb auch keine Internet-Flat am Handy. An vielen Tagen habe ich es nicht mal gemerkt, dass ich es vergessen habe. Ich war keine große SMS-Schreiberin und bei der Arbeit war ich ohnehin anders zu erreichen. Irgendwo vergraben in meiner Handtasche lag es meist. Ich war eine der Frauen, die ihre Riesen-Handtaschen hoch zu den Ohren zerren, sobald in der Öffentlichkeit irgendetwas piept, weil es mir einfach zu mühevoll war, das Telefon irgendwo zwischen Kaugummis, Notizbüchern, Wasserflaschen, Fernbedienungen (die stecke ich recht häufig versehentlich ein) und Tampons herauszuwühlen, dass dann ja doch nicht geklingelt hat. Mein iPhone hat einen festen Platz in der Handtasche oder ich trage es irgendwo am Körper, vergraben in der Manteltasche, von meiner Hand umschlossen (Handschuhe habe ich im letzten Winter eigentlich nur beim Rodeln getragen.) Und ich bin eine der Frauen, die immer glaubt, irgendetwas vergessen oder irgendwo liegengelassen zu haben und das, nach manchmal minutenlanger Suche, dann doch in der Handtasche findet. Manchmal. Denn ich bin eben auch die Frau, die Geld im Bankautomaten stecken, ihr Kinderkleingeldportemonnaie, gefüllt mit einem dicken Schein auf dem Tresen in der Eisdiele liegen oder einen Ordner mit den persönlichen Daten fremder Menschen auf einem Stapel Bild-Zeitungen im Kiosk stehen lässt. Es ist zwar nicht immer angenehm, aber was wäre so ein Tag ohne mindestens eine völlig unnütze Panikattacke, gefolgt von einer ebenso unnützen und kopflosen Suchaktion nach einem total wichtigen Gegenstand, den man garantiert an einem denkbar ungeeigneten Ort vergessen hat.

Nur mit diesem iPhone ist es anders. Bisher. Das suche ich wirklich selten, ich habe es immer griffbereit in meiner Nähe, weil ja auch immer irgendwas aufblinkt. Und wenn ich es doch mal suche, was wirklich sehr, sehr, sehr selten vorkommt, gemessen an dem, was ich sonst gewohnt bin, dann immer nur zu Hause. Meistens ist es dann einfach nur zwischen die Sofapolster gerutscht oder liegtgauf dem Badewannenrand und da bleibe ich vergleichsweise ruhig. Ich habe dieses Dingsi seit November und ich habe es sicher weniger als fünfmal wirklich vergessen. Und bei diesen weniger als fünf Malen war ich nie mehr als 500 Meter vom Haus entfernt, so dass ich schnell umkehren konnte, um es doch noch mitzunehmen. (Nicht mitgezählt: All die Male, da ich die iPhone-Absenz schon vor Anlassen des Motors bemerkt habe.) Und heute das! Ich bedauerte kurz, dass ich es nicht dabei hatte, überlegte, ob ich irgendwelche dringenden Telefonate erwartete und dachte an Twitter. Und fuhr einfach weiter.

Eigentlich brauche ich es gar nicht, jetzt, da ich gerade nicht twittere. Okay, den Wecker vielleicht. Und ich liebe instagram. Aber ich instagrame gerade auch selten. Was zum Teil an der Twitterabstinenz, aber doch viel mehr daran liegt, dass instagram eine gefühlte Stunde braucht, um mir nur ein paar wenige Bilder meiner Timeline anzuzeigen und meistens mehr als einen Versuch, um eines meiner Photos hochzuladen. Nicht lustig.

Ich halte das iPhone auch nachts, wenn ich nicht schlafen kann, nicht mehr in den Händen und starre drauf und tippe noch mal schnell eine DM. Nachts, wenn ich nicht schlafen kann, lese ich jetzt meistens in einem Buch. Wie früher. Und überhaupt schlafe ich ja in letzter Zeit ab und zu doch mal nachts, wenn ich eigentlich gar nicht schlafen kann. Und dann träume ich von Cherno Jobatey, Steve Jobs und manchmal auch von Tony Marshall. Beinhart. Aber nicht gelogen.

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Ein Gedanke zu „Ohne Twitter (2): Das iPhone

  1. <3
    (Übrigens: Ich besitze gar kein iPhone, und twittere also nie, nie, nie von unterwegs. Und ich hatte noch nie das Gefühl, etwas zu verpassen, im Gegenteil.)
    ganz liebe Grüße von Iris

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